Selbstdarstellung als Gestaltungsprinzip

Anmerkungen zu einer verqueren kunstgeschichtlichen Debatte über einen vermeintlichen mittelalterlichen Holzschnitt.

Holzschnitt Camille Flammarion

Holzschnitt, erstmals veröffentlicht in:
Camille Flammarion: L'Atmosphère, Paris 1888

Fehldarstellungen und (durch Schlamperei und/oder Absicht) produzierte Missdeutungen von Sachverhalten sind Ausdrucksformen wissenschaftlicher Unredlichkeit, wovon hier im Rahmen einer schon sehr lange andauernden kunstgeschichtlichen Debatte ein beredtes Beispiel gegeben werden soll.

Es geht um die Abbildung eines in den letzten Jahren sehr häufig verwendeten Holzschnittes, die auch das Cover meines Buches Das Unbewusste in der Physik (Wien, 1993) ziert. Auf Seite 181 besagten Buches ist der Holzschnitt nochmals reproduziert, mit folgender Bildunterschrift:

Diese Abbildung wird in zahlreichen Publikationen fälschlicherweise als „Holzschnitt, um 1520“ bezeichnet. Tatsächlich stammt sie aus C. Flammarion, L’Atmosphère, et la Météorologie populaire, Paris 1988, S. 163. Sie ist ein Beispiel für ein „unterkomplexes Vor-Bild“ zur Darstellung der Paradoxie einer endlichen Welt und illustriert A. Koyrés Geburts-Metapher für den historischen Übergang „von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum“. (Grössing 1993, S. 181)

Die Fehlzitierungen hinsichtlich des Holzschnitts sind zwar seit Jahren bekannt, tauchen aber immer wieder hartnäckig in diversen Publikationen auf. Dieses Sachverhalts nimmt sich Georg Peez an, und zwar in einem durchaus interessanten Aufsatz mit dem Titel: „Ein vermeintlich mittelalterlicher Holzschnitt zur Darstellung pädagogischer und kunstpädagogischer Grenz- und Erfahrungsphänomene“ (vollständig nachzulesen unter www.georgpeez.de/texte/flamm.htm). Dazu schreibt er unter Anderem:

Der Ursprung des Bildes scheint auf den ersten Blick das (späte) Mittelalter zu sein (Magruder/Poffenberger 1996). Auf die Richtigkeit dieser Vermutung deutet nicht nur das dargestellte Weltbild 'Erde als Scheibe' mit dazugehörender Luftglocke und endlichem Firmament hin, sondern auch die ikonografischen Stilmerkmale, etwa die Art der flächigen Darstellung des Baumes, dessen Stamm-, Ast- und Wurzelstruktur vom imaginären Betrachterstandpunkt aus fast völlig offengelegt ist, der an sakrale Darstellungen erinnernde Stil und Faltenwurf des Gewandes der Person, deren Kopfbedeckung bzw. Kappe, die gotische Architekturmerkmale ausweisende Dekoration im Bildrahmen oder auch die mit einem Gesicht personifizierte Sonne. Dass es sich hierbei um einen "deutschen Holzschnitt" "aus der Zeit um 1530" handelt, der "direkt von der angegebenen Bildquelle, vom Bildarchiv des Deutschen Museums in München übernommen worden ist" (Boschke 1962 nach Clausberg 1994, S. 192), scheint zunächst unzweifelhaft. Taucht diese Abbildung in der Literatur auf (z. B. Grössing 1993; Harthemeyer 1994, S. 27), wird ihre Herkunft fast immer in etwa so oder so ähnlich beschrieben. Dies trifft auch auf Geschichtsbücher für den Schulunterricht zu, in denen das Bild im Kontext des "Zeitalters der Entdeckungen" um 1500 als Illustration genutzt wird (Hug 1975, S. 17).

Nun, offenbar hat Herr Peez meine oben angeführte Bildunterschrift (bzw. mein Buch) nicht gelesen, er bezieht sich aber höchstwahrscheinlich auf eine gleichfalls ungerechtfertigte Unterstellung gegenüber meiner Verwendung des Holzstichs, die bei dem von Peez zitierten Kulturwissenschaftler Karl Clausberg zu finden ist. In seinem Aufsatz „Wanderer kommst Du ...“ (Kunstforum International, Band 128, 1994, S. 190), der auch in seinem Buch Neuronale Kunstgeschichte. Selbstdarstellung als Gestaltungsprinzip (Wien 1999) abgedruckt ist, schreibt der Autor nämlich:

Kaum ein Jahr vergeht, ohne dass Flammarions Weltbild auf einem Buchtitel – oder wenigstens im Buchinneren – reproduziert wird. Zwei typische Beispiele aus dem Jahr 1993: Immer Ärger mit dem Urknall und Das Unbewusste in der Physik. Beide Bücher brachten den Flammarionschen Holzstich in mehr oder weniger eigenwilligen Varianten. Das erstere zeigt den spiegelverkehrt im Ausschnitt vergrößerten Wanderer am Weltenrand, wie er ins Nichts hinausstarrt, denn der äußere Kosmos wurde kurzerhand weggeschnitten. Das zweite zeigt ihn tiefsinnig auf die Rückseite des paperback versetzt, während obenauf nur die kaum merklich lächelnde Sonne scheint. Die erstere Buchveröffentlichung erläuterte ihre Umschlaggestaltung im Impressum mit dem Hinweis: Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert, „Was verbirgt sich hinter der Milchstraße?“/Ausschnitt. – In der anderen ist Flammarions Stich als Koyrésche Geburtsmetapher für den historischen Übergang Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum gedeutet. (Clausberg 1994 und 1999)

Im Folgesatz spricht Clausberg dann noch von „derart willkürlichen cover designs und Sinngebungen“, die eben bereits eine lange Tradition hätten. Hier ist gar nicht zu bestreiten, dass es eine derartige verquere Tradition gibt. Ich verwehre mich bloß gegen Clausbergs Unterstellung, meine Verwendung des Holzstichs sei gleichfalls mit einer willkürlichen Sinngebung versehen.

Denn während Clausberg unterstellt, ich würde Flammarions Stich als Koyrésche Geburtsmetapher deuten, habe ich doch offensichtlich geschrieben (siehe obiges Zitat), dass der Stich die Geburtsmetapher (nach meiner Meinung offensichtlich passend) illustriert. Eine Deutung des Flammarionschen Bildes per se war nie beabsichtigt oder ausgeführt! Auch den weiteren Sinnzusammenhang mit meiner im Buch ausgeführten Theorie der „Vor-Bilder“ kann man nicht als Deutungsversuch des Holzschnitts lesen, sondern gleichfalls bloß als – so auch deklariertes – Beispiel zur Illustration des möglichen „Durchbrechens der Sphären“ beziehungsweise einer vorwissenschaftlichen Ahnung von der Unendlichkeit der Welt.

Ich fasse zusammen: Weder wurde der Holzschnitt in meinem Buch mit einer falschen Quellenangabe versehen (im Gegenteil: ich habe darin selbst auf die häufigen Fehlzitierungen hingewiesen!) , noch in irgend einer Weise gedeutet. Dass Clausberg sich nicht nur darüber hinwegsetzt, sondern meine Verwendung des Flammarionschen Holzstichs auch noch in diskreditierender Weise in einer Reihe mit tatsächlich haarsträubenden Fehldarstellungen anführt, zeugt von einer Ungenauigkeit des Autors, wie sie ein Fachprofessor für Kulturwissenschaften nicht an den Tag legen sollte. Offensichtlich ist ihm für seine Argumentation jedes Beispiel Recht, selbst wenn es sich bei expliziter Betrachtung (Lesen!) als falsch herausstellt. Dies hat aber nichts mehr mit Wissenschaftlichkeit zu tun, sondern bestenfalls mit des Autors meinungsstarker Selbstdarstellung als Gestaltungsprinzip seiner eigenen Argumentationswelt.

Gerhard Grössing

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